Käse als Kreditpfand? Das klingt angesichts des Risikos schneller Verderblichkeit nach einem Kuhhandel, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Doch seit 1953 ermöglicht die Credem-Bank im italienischen Montecavolo, in der Umgebung von Parma, den regionalen Käseherstellern die Besicherung ihrer Kredite in Parmesan-Laiben. Ein Geschäftsmodell auch für deutsche Kreditinstitute?

Banker als Laibwächter?

Bereits 2015 hat die Eliteuniversität Harvard in einer Fallstudie Banking on Cheese dargestellt, wie ein Synergieeffekt durch regionale Förderung und Kenntnisse in der typischen Produkterzeugung bei der Kreditvergabe erfolgen kann, und zwar am Beispiel der Credem-Bank. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen reifen im ländlichen Montecavolo hunderttausende Laib Käse, mit einem einzelnen Wert von bis zu 400 €. Das Prinzip: Die Bank sorgt während des Reifeprozesses des Parmesans mit fortschrittlichen Technologien und hochqualifiziertem Personal dafür, dass der Sicherungsgegenstand nicht vor der Ablösung des Darlehens dahinschmilzt. Daneben fertigt sie Gutachten für die zur Finanzierung notwendigen Unterlagen an. Somit ersparen sich die Landwirte Betriebskosten und im Gegenzug gewinnt die Bank Know-how über eine risikobehaftete Branche, die mit für den Wohlstand der Region sorgt.

Abstecher ins Pfandhaus

Beispielhaft für die Erfordernisse einer branchenübergreifenden Taxierung von Sicherungsgegenständen ist der Pfandkredit. Bares für Rares ist für viele Menschen eine Möglichkeit, bei knappem Geldbeutel schnell und unbürokratisch zu Geld zu kommen. Anders als bei einer Bank genügt es hier, den Pfandgegenstand und einen gültigen Ausweis vorzulegen. Was im Pfandhaus als Sicherung vorgelegt wird und einer schnellen Wertschätzung bedarf, darüber weiß der bereits zu Promi-Status gekommene Pfandleiher Thomas Käfer, Pfandhaus München, unterhaltsam in seinem Buch Alles hat seinen Preis zu berichten. Ob Goldschmuck, iPhones, teure Füllfederhalter, Prada-Handtaschen, Rolex-Uhren, antike Einzelstücke – die Pfandvorlage ist bunt gemischt und erfordert Flexibilität und Kenntnisse über deren Verkaufswert, um schnell und unbürokratisch bei überschaubarem Risiko die Geldauszahlung zu ermöglichen.

Kreditsicherung der Zukunft

Der voranstehende Ausflug sollte nicht den Eindruck erwecken, dass in Zukunft auch Banker eine Zusatzausbildung in Sachen Haute Couture, Schmuck und HighTech-Geräte für die Kreditbearbeitung benötigen, doch werden unter Umständen im Firmenkundengeschäft zusätzliche Kenntnisse über branchenspezifische collaterals erforderlich. Besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten müssen Banken oft den Spagat zwischen der flexiblen Unterstützung von Unternehmen mit Krediten einerseits und dem Risiko ausfallender Kredite andererseits bewerkstelligen. Das seit Januar 2023 geltende Lieferkettengesetz bedeutet zudem eine erhöhte Sorgfaltspflicht bei der Kreditvergabe.

Doch zurück zum Eingangsthema und der Frage, ob banking in cheese alla Credem-Bank auch für deutsche Banken ein Geschäftsmodell sein könnte: Der Know-how-Erwerb zur Bewertung regionaler Produktionsprozesse und spezifischer collaterals kann eine Möglichkeit sein, dass sich eine Finanzierungsinfrastruktur an das lokale Umfeld anpasst. So entsteht unter Umständen eine Win-Win-Situation für Kreditgeber und -nehmer, was per se ein Auftrag aller genossenschaftlichen Finanzinstitute im Hinblick auf deren Mitgliederförderung ist. So könnte eine Kreditsicherung alla Parma in Zukunft eben nicht nur eine cosa italiana sein, eben nicht nur eine italienische Sache.

 

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Wie eine projekthafte, zielgerichtete Umsetzung einer ausgewogenen Eigenkapitalsituation aussehen kann, lesen Sie im Titelthema für den Monat Februar in der BankInformation.

 

Ein Gastbeitrag von Sabine Birli, DG Nexolution

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